Wie ist ein Leben als junger Landtagsabgeordneter?

Interview mit dem Grünen Landtagsabgeordneten Rasmus Andresen am in Kiel:

Pressident: Wieso wolltest Du Abgeordneter werden?
Rasmus: Als ich 15 war, habe ich begonnen, mich für Politik zu interessieren und mich daraufhin entschieden, mich selbst politisch zu engagieren. Ich habe mich ein bisschen umgehört, erst überlegt, zur SPD oder zu den Grünen zu gehen. Ich bin dann zu den Grünen gegangen, weil mir das dort vor Ort in Flensburg, wo ich zur Schule gegangen bin, besser gefallen hat und auch die Themen besser zu mir passten. Da ist man dann irgendwie immer mehr hineingewachsen; ich hab zuerst in Flensburg bei der Grünen Jugend mitgemacht, später dann auch vor Ort in der Partei und auf Landesebene Schleswig-Holsteins. Zum Studium war ich in Dänemark und habe dort auch im dänischen Parlament gearbeitet. Dort habe ich gesehen, dass man noch einmal ganz andere Möglichkeiten hat, wenn man Politik als Abgeordneter betreibt; dass man mehr Einflussmöglichkeiten hat, sodass man die Dinge auch wirklich umsetzen kann.

Was hat Dein politisches Interesse ursprünglich geweckt?
Wir haben in der Schule viel über Politik diskutiert, am interessantesten fand ich immer „große“ Themen, wie zum Beispiel Auslandseinsätze der Bundeswehr oder aber auch Gerechtigkeitsthemen wie Sozialreformen, zum Beispiel Hartz IV: Ich war dagegen, weil ich es falsch fand, Arbeitslose mehr und mehr unter Druck zu setzen, und das hat ja auch nicht funktioniert.
Das waren eben meine beiden Themen; Krieg, Frieden, Bundeswehreinsätze und die Schere zwischen arm und reich in der Gesellschaft.

Haben Dich Deine Eltern zum politischen Engagement bzw. zu politischen Meinungsrichtungen bewegt?
Meine Eltern sind beide sehr politisch, in dem Sinne, dass sie sich sehr stark für Politik interessieren. Mein Vater ist auch Mitglied in der SPD und war selbst politisch aktiv, das ist aber schon ein paar Jahre her. Man kann also schon sagen, dass ich aus einem politischen Elternhaus komme. Die haben mir jetzt aber kein Mitgliedsformular von den Grünen oder von der SPD auf den Tisch gelegt, so nicht, aber sie hatten sicherlich Einflüsse auf mich.

Hast Du vor deiner Zeit als Abgeordneter Lokalpolitik betrieben?
Ich habe eine Zeit lang in Dänemark gelebt, dort studiert und wie gesagt im Parlament gearbeitet. Dort ging es hauptsächlich um Landespolitik, da ich einem Abgeordneten zugearbeitet habe. Außerdem war ich bei der Grünen Jugend lange im Landesvorstand, ich war Sprecher der Grünen Jugend in Schleswig-Holstein, und da hat man sich nun einmal viel mit Landespolitik beschäftigt und begleitet, was die Grünen auf Landesebene so an Forderungen aufgestellt haben.

Was hast Du in dieser Zeit gelernt, das Du nun als Abgeordneter anwenden kannst?
Was auf jedenfall viel gebracht hat, war durch die Grüne Jugend zu lernen, politische Positionen zu formulieren und Überzeugungen zu entwickeln, für die man dann auch einsteht und kämpft. Dass man also weniger rumeiert, sondern für klare Inhalte steht. Das ist sehr wichtig. Außerdem lernt man in solchen Jugendverbänden auch sehr gut, wie Politik funktioniert: Wie man zum Beispiel eine Mehrheit von einem Antrag überzeugt, das macht man in der Grünen Jugend oder in einer anderen Jugendorganisation ja ständig, und diese Fähigkeit hilft auch auf jedenfall bei der Arbeit hier. Dieses politische Verhandeln kann man in Jugendverbänden sehr gut lernen. Ich habe auch Kollegen, die nicht politisch in Jugendverbänden aktiv waren, die zwar vielleicht andere Erfahrungen mitbringen, aber die dieses Handwerk noch intensiver lernen müssen.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf im Landtag aus?
Es gibt keinen typischen Tagesablauf, deshalb ist es auch so spannend; kein Tag ist wie der nächste.
Die Tage sind meist sehr unterschiedlich, in dieser Woche hatten wir ja zum Beispiel Plenarsitzung. Da tagt montagmorgens der Fraktionsvorstand, danach tagt dann die sog. „Grüne Lage“, wo sich der Fraktionsvorstand, die Minister und der Landesvorstand treffen und die wichtigsten Konfliktthemen diskutieren. Auf der Tagesordnung stehen entweder thematische Konflikte innerhalb der eigenen Partei, aber auch die der Koalitionspartner. Dienstags finden oft inhaltliche Arbeitskreise statt, die sich je mit verschiedenen Themen auseinander setzen. Ich bin in den Arbeitskreisen „Bildung“ und „Finanzen“. Abends finden meist vielerlei Veranstaltungen statt, in der Partei vor Ort, vom Kreisverband oder anderen Organisationen.
Mittwochs, donnerstags und freitags sind dann die Plenarsitzungen – den ganzen Tag lang!
Man hat zwar nur wenig Freizeit, doch es ist auch immer sehr abwechslungsreich. An solchen Tagen arbeite ich bis zu elf Stunden, manchmal sogar länger. Zeit, um Mails zu beantworten und sich um andere Dinge zu kümmern, findet man dann erst abends.
Mitunter gibt es auch Wochen, in denen man mehr in seinem eigenen Wahlkreis unterwegs ist, bei mir ist das Flensburg- aber manchmal wird man auch von den Grünen in Pinneberg eingeladen.

Der Plenarsaal des Kieler Landtags.

Der Plenarsaal des Kieler Landtags.

Was macht Spaß am demokratischen Pflichtprogramm? Was eher nicht?
Es interessiert einen ja nicht jedes Thema im Landtag oder im Ausschuss gleichermaßen. Da gibt es dann manchmal so Themen, wo man sich denkt: „Da haben wir jetzt schon dreißig Mal drüber diskutiert“ oder „Ist das jetzt so wichtig, darüber zu reden?“ Sowas ärgert mich dann. Mir macht jedoch Vieles Spaß, vor allem aber, wenn man Dinge, für die man lange gekämpft hat, letztendlich auch umsetzen kann. Zum Beispiel haben wir vor einem Monat einen Aktionsplan gegen Homophobie beschlossen, den wir als Grüne bereits in der Opposition beantragt haben, doch Schwarz-Gelb hat das immer abgelehnt. Jetzt haben wir zusammen mit SPD und SSW, den Piraten und auch der FDP, diesen Antrag bezüglich des Aktionsplanes verabschiedet. Das ist echt cool, wenn man dann auch wirklich etwas erreicht, und es nicht nur für die Papiertonne produziert.

Wie viele Leute gehören im Schnitt zu deinem Mitarbeiterkreis?
Es gibt pro Abgeordneten einen Mitarbeiter bei ihm im Wahlkreis, darüber hinaus haben wir hier im Landtag, anders als im Bundestag, Referenten für die verschiedenen Themen. Da ich mich zum Beispiel mit den Finanzen beschäftige, habe ich eine Referentin, die diesbezüglich für mich arbeitet. Durchschnittlich arbeite ich mit 4-5 Mitarbeitern regelmäßig zusammen. Die arbeiten aber nicht alle nur für mich, sondern auch teilweise für andere Abgeordnete. Im Bundestag haben die Abgeordneten ja ihre Büros mit drei, vier Leuten in Berlin, und dann nochmal zwei im Wahlkreis. So ist das bei uns nicht, da sind wir ein bisschen schlechter ausgestattet.

Welche Rolle spielst Du im politischen Kurs deiner Fraktion?
Dadurch dass, ich mich um die Finanzen und den Haushalt kümmere, sowie stellvertretender Fraktionsvorsitzender bin, bin ich an vielen Themen mitbeteiligt. Gerade wegen der Finanzen- vieles kostet Geld, das heißt, ich kann immer mitreden und mitentscheiden. Denn wenn die Finanzierung nicht steht, hat man ein Problem. Daher hat meine Arbeit eine sehr koordinierende Funktion, da beim Thema Finanzen alle anderen Themen zusammenlaufen. Das ist auf jedenfall etwas, was mir sehr viel Spaß bringt.

Hast Du als junger Abgeordneter das Gefühl, dass langjährige Politiker_innen Dich nicht richtig ernst nehmen bzw. respektieren?
Ich bin 2009, also mit 23, ins Parlament gewählt worden- krass, das ist schon fünf Jahre her (lacht)- und da war es definitiv so, da ich auch der Jüngste war und es vorher kaum junge Leute im Parlament gab, jedenfalls niemanden unter 30. Zu dem Zeitpunkt sind von der Linkspartei Luise Amtsberg, die ja jetzt für uns, die Grünen, im Bundestag sitzt, ich, und noch zwei von der FDP in den Landtag gewählt worden, und da hat man dann schon gemerkt, dass die älteren Kollegen eher skeptisch waren.
Aber du musst dich dann inhaltlich beweisen. Wenn du das schaffst, und die Leute merken, dass das, was du sagst und wofür du stehst, Hand und Fuß hat und schlüssig ist – auch wenn sie nicht deiner Meinung sind – dann wirst du akzeptiert. Deshalb habe ich diesbezüglich eigentlich eher positive Erfahrungen gemacht.

Hast Du das Gefühl, du warst an einer Veränderung bereits aktiv beteiligt?
Ja, an einigen. Zum Beispiel an dem Aktionsplan gegen Homophobie, von dem ich eben schon erzählt habe. Doch wir haben jetzt zum Beispiel auch schon zweimal den Haushalt verabschiedet, wo wir festlegen, für welche Dinge das Land im nächsten Jahr Geld ausgeben soll, und da gab es viele unterschiedliche Projekte. Zum Beispiel die Förderung von FÖJ (Freiwilliges Ökologisches Jahr)- Plätzen. Außerdem haben wir Sozialkürzungen, die Schwarz-Gelb beschlossen hat, bei Frauenhäusern beispielsweise, rückgängig gemacht: Damit die Frauenhäuser wieder Geld bekommen, um Frauen zu helfen, die unter Gewalt leiden. Das ist eben alles über den Haushalt passiert, den habe ich für unsere Fraktion zusammen mit unseren Fraktionsvorsitzenden und unserer parlamentarischen Geschäftsführerin  verhandelt. Das ist dann auch relativ konkret. Ein anderes Beispiel wären Beratungszentren gegen Rechtsextremismus, die vor Ort in fünf Regionen in Schleswig-Holstein arbeiten und auch in Schulen Projekte durchführen sollen, um Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus vorzubeugen. Das haben wir vor eineinhalb Jahren beschlossen, und vor einem halben Jahr war ich bei der Eröffnung eines dieser Beratungszentren in Flensburg und das hat mich dann auch besonders gefreut, da es eine gute Sache ist und man wirklich sieht: Das konnte nur möglich gemacht werden, weil wir im Landtag dafür Gelder bereitgestellt haben.

Und die letzte Frage: Entspricht deine bisherige Laufbahn deinem eigenen Plan, bzw. welche sind deine zukünftigen Ziele?
Ich glaube, dass man so etwas nicht planen kann und auch nicht planen sollte. Ich habe jetzt nicht nach dem Abi gesagt „in fünf Jahren bist du im Landtag“, deshalb ist vieles zufällig so gekommen, aber es macht mir auf jedenfall Spaß. Und es ist die richtige Entscheidung gewesen, so kann man das schon sagen. Aber genau dasselbe gilt auch für die Zukunft: 2017, da ist das nächste Mal Landtagswahl, das ist ja auch noch ein bisschen hin. Ob ich da dann nocheinmal antrete, weiß ich aus jetziger Sicht gar nicht. Ich kann mir nämlich auch vorstellen, mal für einen Verband zu arbeiten. Also ich will auf jedenfall weiterhin etwas Politisches machen, aber man kann ja auch bei Amnesty oder einer Gewerkschaft arbeiten, und dann auch gute und wichtige Dinge bewegen. Es gibt da nicht so einen festen Plan, und ich finde, man sollte auch nicht zu lange im Parlament sitzen, das ist auch nicht gut; man muss auch einmal etwas anderes machen, weil man dort schon einen sehr speziellen Alltag hat. Deshalb weiß ich das alles noch nicht genau, frag mich in drei Jahren nochmal (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Deinen politischen Werdegang!

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