Frauen in Indien führen ein Leben, das nirgendwo anders auf der Welt so von Ungerechtigkeit und Gewalt geprägt ist wie in ihrem Land. Daran Schuld ist das Gesetz – und die veralteten Ansichten der indischen Bevölkerung.

Bunte Saris, scharfes Essen, Bollywood – das ist Indien. Jedenfalls war es das, bevor es durch Vergewaltigungen und Proteste das Interesse weltweiter Medien auf sich zog. „Indien, dieses Land ist ‘eine Hölle für Frauen’“, „Heile Welt gibt es nur in Bollywood“ titeln die Zeitungen und werfen einen dunklen Schatten auf das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Nie war die Wertlosigkeit der Frau in Indien so offensichtlich und publik wie jetzt. Dass diese Problematik jedoch schon jahrelang existiert, ist vielen überhaupt nicht bewusst.

Wie alles begann

16. Dezember 2012: Die 23-jährige Inderin Jyoti Singh Pandey steigt mit einem Freund in einen privaten Schulbus ein, in dem sich bereits sechs Männer befinden. Einer von ihnen ist als Busfahrer einer Privatschule tätig und hat daher Zugriff auf den Bus. Was die junge Medizinstudentin und ihr Begleiter jedoch nicht wissen: Die sechs Männer haben Stunden vorher beim gemeinsamen Abendessen den Plan gefasst, eine Frau auszuerwählen und sich an dieser zu vergehen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters stand zu diesem Zeitpunkt sogar bereits fest, dass diese anschließend getötet werden soll.

Für die Fahrt werden von beiden Fahrgästen 10 Rupien, was ungefähr 14 Cent entspricht, verlangt. Daraufhin setzt sich der Bus in Bewegung. Das Fahrzeug schlägt jedoch einen unerwarteten Weg ein, der Begleiter der Studentin wird misstrauisch. Als die Männer daraufhin die Tür verriegeln, beginnt er zu protestieren. Der jüngste der Männer, ein gerade einmal 17-Jähriger, reagiert lediglich mit einem lüsternen Kommentar. Es folgt eine Auseinandersetzung, die schnell ausartet: Es kommt zur Prügelei zwischen dem Begleiter und drei der Männer. Jyoti Singh Pandey versucht mit ihrem Handy die Polizei zu alarmieren, doch die Männer kommen ihr zuvor, entreißen ihr das Handy. Nachdem ihr Begleiter mit einer Eisenstange niedergeschlagen worden ist, wird sie auf die Rücksitze des Busses gezerrt und von den Männern abwechselnd vergewaltigt und mit der Eisenstange traktiert. Die Tortur dauert fast eine Stunde, die Frau ist inzwischen bewusstlos und schwer verletzt. Nackt und blutend werden sie und ihr Begleiter aus dem fahrenden Bus geworfen. Doch Hilfe scheint nicht zu nahen: Vorbeifahrende Rikscha- und Autofahrer sehen sie schwer verletzt auf der Straße liegen, fahren weiter. Nach 20 Minuten treffen dann letztendlich Polizeiwagen ein. Mit einer schweren Hirnverletzung und einer Infektion an der Lunge und inneren Organen wird sie in ein Krankenhaus in Neu-Delhi gebracht und behandelt. Acht Tage später wird sie nach Singapur, in eine Spezialklinik für Organtransplantationen geflogen, erleidet trotz den Bemühungen eines Speziallistenteams einen Herzstillstand- und löst eine Protestwelle aus.

Viele Inder nahmen an dem "stummen Protest teil- zu Gedenken an

Viele Inder nahmen an dem “stummen Protest teil- zu Gedenken an Jyoti Singh Pandey (flickr.com/ ramesh_lalwani)

 

“Hängt die Vergewaltiger!”

Jyoti Singh Pandey wurde zur Symbolfigur der Protestbewegung in Indien. Durch sie wurde die wachsende Gewalt gegenüber Frauen zum öffentlichen Thema, das Schweigen gebrochen. Die Menschen gehen zu Tausenden auf die Straße, Frauen und Männer, fordern mehr Sicherheit und Gerechtigkeit. „Hängt die Vergewaltiger!“, „Kastration für Vergewaltiger!“ oder „Keine Gewalt gegenüber Frauen“ sind ihre Forderungen, die sie auf Plakaten zum Ausdruck bringen. „Der Fall in Delhi ist ein Symbol für das, was Frauen jeden Tag in diesem Land erleiden“, so eine Demonstrantin. Damit hat sie es auf den Punkt gebracht. Denn so schockierend der Fall der 23-jährigen Studentin auch sein mag, Vergewaltigungen stehen in Indien leider auf der Tagesordnung. In keinem Land der Welt ist ein Frauenleben so wenig Wert wie in Indien. Weder in Afghanistan noch in Saudi-Arabien werden so viele weibliche Föten abgetrieben, so viele Frauen aufgrund ihrer Mitgift ermordet oder brutal vergewaltigt. Das besagt zumindest eine Studie der Thomson Reuters Foundation aus dem Jahre 2012.

 

"Ein Mensch zu sein ist nicht genug, wenn man keine Menschlichkeit besitzt" hat dieser Mann auf sein Plakat geschrieben. (flickr.com/ramesh_lalwani)

“Ein Mensch zu sein ist nicht genug, wenn man keine Menschlichkeit besitzt” hat dieser Mann auf sein Plakat geschrieben. (flickr.com/ramesh_lalwani)

Objekte der Männer

Doch woran liegt das? Indiens Bevölkerung lebt größtenteils noch nach dem „Normenkontrollkatalog“ des alten Indiens, so Dagmar Hellmann-Rajanayagam, Professorin für Südostasienkunde an der Universität Passau. Darin steht geschrieben, dass eine Frau nie unabhängig sein darf. Von Geburt an ist sie ihrem Vater unterlegen, als Jugendliche passen ihre Brüder auf sie auf, danach bestimmt ihr Ehemann über sie und sobald sie verwitwet, hat ihr Sohn das Sagen. Nach diesen Vorstellungen werden die meisten indischen Mädchen auch heute noch erzogen. So leben 52 Prozent der heranwachsenden Inderinnen in dem Glauben, es sei gerechtfertigt, wenn der Ehemann seine Frau schlägt. Mit der weiteren Auffassung, erst dann etwas Wert zu sein, wenn sie einen Jungen gebären, wachsen sie auf und arbeiten ihm familiären Haushalt. Bildung bleibt ihnen dabei oft vollständig verwehrt, 62 Prozent der indischen Mädchen sind Analphabeten. Die Familien sehen oft einfach keinen Sinn, sie in die Schule zu schicken, da sie nach ihrer Heirat eh das Haus verlassen. So sorgen die indischen Mädchen für den Haushalt, bis ein Ehemann für sie gefunden ist.

Eine Frau ist in Indien oft nur dazu da, den Hausarbeit zu verrichten und ihrem Ehemann zu gehorchen. (flickr.com/ Bioversity International)

Eine Frau ist in Indien oft nur dazu da, die Hausarbeit zu verrichten und ihrem Ehemann zu gehorchen. (flickr.com/ Bioversity International)

Laut der Patenschaft für Hungernde Kinder e.V. werden 95 Prozent der Ehen in Indien von den Eltern arrangiert. Dieser Brauch zieht sich durch sämtliche Bildungs- und Bevölkerungsschichten, selbst westlich orientierte Familien halten daran fest. Nach Kastenzugehörigkeit und Horoskop werden Heiratsanwärter und -anwärterinnen ausgewählt, ob im eigenen Bekanntenkreis oder per Zeitungsannonce. Vor der Hochzeit sieht sich das Brautpaar im Normalfall nur wenige Male. Eine Heirat aus Liebe? In Indien leider eine Seltenheit. Hochzeiten haben oft nur einen finanziellen Hintergrund: die Mitgift. Traditionell erhält das junge Paar nämlich von der Familie der Braut eine finanzielle Starthilfe. Dieser Brauch ist zwar seit 1961 in Indien offiziell verboten, wird aber trotzdem häufig fortgeführt. Das führt dazu, dass die Familien in einer Tochter oft lediglich eine finanzielle Belastung sehen. Dazu kommt dass die Forderungen des Bräutigams teilweise so hoch sind, dass die Familien in den Ruin getrieben werden, oft werden sogar noch nach der Vermählung hohe Geldsummen verlangt. Werden diese Forderungen nicht erfüllt, kommt es nicht selten zur Ermordung der ungeliebten Ehefrau. Ein beliebter Weg, sich dieser zu entledigen, ist eine moderne Form der Sati (Witwenverbrennung). Vor der Kolonialisierung durch England war es in Indien Brauch, dass eine Witwe ihrem Mann bis in den Tod folgt- durch die Verbrennung bei lebendigen Leib auf dem Scheiterhaufen. Zwar werden die Frauen heutzutage nicht mehr öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt, doch da die Saris der Frauen leicht Feuer fangen, kann man einen derartigen Mord leicht nach einem Haushaltsunfall aussehen lassen. Dann heißt es, der Sari habe durch das offene Herdfeuer Feuer gefangen- und im Haus ist Platz für eine neue Ehefrau.

Wo sind die Frauen?

Doch es wird in Zukunft immer schwieriger werden, eine Frau im heiratsfähigen Alter zu finden, immer größer wird der Männerüberschuss. Nach einer Schätzung aus dem Jahre 2012 gibt es bereits jetzt 40 Millionen mehr männliche als weibliche Inder. “Einigen Studien zufolge wird es bis 2025 rund 20 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter geben, die keine Partnerin finden”, warnt Harpal Singh, Leiter einer Stiftung, die sich für den Schutz von Mädchen einsetzt. Indien ist sich also dieser Schieflage bewusst. Dagegen angekämpft wird unter anderem mit einem Gesetz, das Ultraschalluntersuchungen zur Geschlechterbestimmung verbietet. Die Umsetzung dieses Gesetzes ist wiederum ein anderes Thema. Korrupte Arztpraxen gibt es in Indien quasi an jeder Straßenecke. Für umgerechnet 17 Euro wird das Geschlecht des ungeborenen Kindes bestimmt, inklusive der illegalen Abtreibung im Falle eines weiblichen Fötus. Nach Schätzungen werden monatlich rund 50.000 weibliche Föten abgetrieben, hinzu kommen noch Tausende Mädchen, die nach der Geburt ausgesetzt oder ermordet werden. Ein werdender Vater erklärt: „Jeder weiß, dass es Frauen geben muss, doch niemand will sie in seinem Haus haben.“

Ein indisches Mädchen auf dem Arm ihrer Mutter. Sie hatte Glück, viele indische Mädchen werden sofort nach ihrer Geburt ausgesetzt oder getötet. (flickr.com/mckaysavage)

Ein indisches Mädchen auf dem Arm ihrer Mutter. Sie hatte Glück, viele indische Mädchen werden sofort nach ihrer Geburt ausgesetzt oder getötet. (flickr.com/mckaysavage)

Dies sind alles Tatsachen, die die hohe Zahl an Vergewaltigungen in Indien begründen. Problematisch ist dabei vor allem die allgemein geltende Wertlosigkeit der Frauen: „Frauen sind nur wie ein Paar Schuhe“, so ein indischer Mann. Und wer behandelt ein Paar Schuhe schon mit Respekt und Liebe? Hinzu kommt, dass es schon jetzt einen Überschuss an männlichen Indern gibt. Da es folglich auch zu wenig potentielle Ehefrauen gibt, kommt es bei vielen Männern zu Unzufriedenheit und Frust. Natürlich ist nicht jeder unverheiratete Inder ein potentieller Vergewaltiger, aber eine Gefahr besteht.

Sicherheit: ein Fremdwort

Durch diese Gefahr verunsichert trauen sich viele indische Frauen nicht mehr auf die Straße. Öffentliche Verkehrsmittel gelten grundsätzlich als gefährlich, viele Frauen wagen es nicht einmal mehr, alleine mit der Metro zu fahren, geschweige denn alleine in ein Taxi oder eine Rikscha zu steigen.

 

„Unsere kollektive Angst macht die Stadt zu unserem Feind, den wir Frauen nicht zu provozieren wagen“, schreibt die Delhier Autorin Devika Bakshi in dem Magazin Open.

 

Auch die indische Polizei sorgt nicht für Sicherheit, sondern eher für Verunsicherung. Die Ordnungshüter kommen oft zu spät oder gar nicht an den Tatort, Anklagen auf Vergewaltigungen wurden teilweise erst nachgegangen, wenn das Opfer bereits tot war. Nicht selten ist es auch, dass sich Vergewaltigungsopfer auf dem Revier noch hämische Kommentare der Polizisten anhören müssen. Ein schockierendes Beispiel, das die Inkompetenz der Polizei unter Beweis stellt, ist der Fall eines 17- jährigen Mädchens, die am 13. November 2012 von zwei Männern vergewaltigt wurde. Als sie nach der Tat zur Polizei ging, schlugen ihr die Beamten vor, einen ihrer Peiniger zu heiraten oder über eine finanzielle Wiedergutmachung zu verhandeln. Ermittlungen wurden nicht aufgenommen, das Mädchen beging kurz darauf Selbstmord.

Solche Fälle sorgen nicht nur bei Inderinnen für Unruhe. Auch Touristinnen meiden inzwischen das Land. Nach der Gruppenvergewaltigung einer Schweizer Touristin, die genau wie der Fall aus Delhi das Interesse weltweiter Medien auf sich zog, gilt Indien für viele Reisende als zu gefährlich. In den ersten drei Monaten dieses Jahres seien 35 Prozent weniger Frauen nach Indien gekommen, so die Vereinigten Kammern von Handel und Industrie Indien. Insgesamt seien rund 25 Prozent weniger Touristen gewesen, die im ersten Jahresquartal das Land bereist haben. Zahlen, die eine eindeutige Sprache sprechen: Indiens Ruf ist zerstört.

Das Hoffen auf Veränderungen

Doch lassen die derzeitigen Proteste auf Änderung hoffen? „Es ist einfach so, dass in Indien zurzeit ganz starke Veränderungen stattfinden, und es ist unglaublich tragisch, dass diese junge Frau gestorben ist. Es wird aber dazu führen, dass es Veränderungen geben wird in der indischen Gesellschaft, und diese Veränderungen werden stattfinden“, äußerte der leitende Redakteur der Tageszeitung “Indian Express”, Raj Kamal Jha, in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur. Immerhin wurde bisher schon ein neues Gesetzes eingeführt, das besagt, dass Vergewaltiger lebenslange Haft bekommen, Wiederholungstäter und solche, bei denen das Opfer stirbt, sollen mit dem Tod bestraft werden. Außerdem bekommen Polizisten und Krankenschwestern im Falle von verweigerter Hilfe zwei Jahre Haft. Ob Änderungen dieser Art den gewünschten Effekt bringen? Das Land sicherer für Frauen wird? Neue Gesetze sollen für Sicherheit sorgen und in vielerlei Hinsicht tun sie das bestimmt auch. Doch die eigentliche Problematik liegt auch in den veralteten Ansichten und Traditionen der indischen Bevölkerung. Denn die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist in der indischen Verfassung schon seit langem vorgegeben. Umsetzung? Mangelhaft. Die Rolle der Frau sollte von einem Großteil der indischen Bevölkerung noch einmal überdacht werden. Sonst wird sich an der Gewalt, den Vergewaltigungen und der Ungerechtigkeit in Indien gegenüber Frauen und Mädchen auch in Zukunft wenig ändern.

Ein Kommentar

  1. Die 23-jährige Physiotherapie-Studentin war Mitte Dezember in einem privaten Kleinbus in der Hauptstadt Neu-Delhi von mehreren Männern vergewaltigt , mit einer Eisenstange misshandelt und aus dem fahrenden Fahrzeug geworfen worden. Zwei Wochen später erlag sie ihren Verletzungen . Fünf der sechs Beschuldigten sind des Mordes und der Gruppenvergewaltigung angeklagt. Sie sollen am Montag wieder vor Gericht erscheinen. Ein Hoffnungsschimmer für den Vater könnte sein, dass gegen die mutmaßlichen Täter erdrückende Beweise vorliegen.

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