Meine Woche ohne Internet und Smartphone

Die Internetverbindung ist schon getrennt, als mein Blackberry noch ein letztes Mal aufblinkt, bevor sich der Bildschirm endgültig verdunkelt. Ich klappe meinen Laptop zu und ein selbstsicheres Lächeln huscht über mein Gesicht. Eine Woche ohne Internet und Smartphone erwartet mich. Projekt „Logout“ hat begonnen.

Ich gehöre nicht zu den Menschen, für die das Internet eine große Rolle spielt, daher habe ich ehrlich gesagt keine großen Befürchtungen vor den kommenden Tagen. Die paar Minuten auf Facebook, einmal die Mails checken und vielleicht einmal die verpasste Lieblingssendung ansehen. Verglichen mit den meisten Jugendlichen meiner Generation gehöre ich wohl zu den wenigen Ausnahmen. Umgeben von Whatsapp-Süchtigen und Facebook-Fanatikern, frage ich mich manchmal sogar, was das Internet eigentlich mit uns anstellt. Die Möglichkeit, sich jederzeit miteinander auszutauschen, scheint bei einem Großteil der Bevölkerung einen Zwang herbeizuführen, der zur Folge hat, dass Smartphones nicht mehr aus der Hand gelegt, geschweige denn ausgeschaltet werden. Woher kommt diese Angst vor der Unerreichbarkeit? Warum sind viele Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr dazu fähig, sich „auszuloggen“? Und viel wichtiger: Bin ich es denn?

Wenn das Smartphone zum ständigen Begleiter wird. (flickr.com/citrixonline)

Wenn das Smartphone zum ständigen Begleiter wird… (flickr.com/citrixonline)

Noch während ich, von Sonnenstrahlen geweckt, langsam aufwache, schießt mir ein einziger Gedanke durch den Kopf: Verdammt, ich muss ins Internet! Es ist Sonntagmorgen und erst Tag zwei des Projektes, allerdings verfluche ich meine Entscheidung schon jetzt: Warum habe ich das Projekt genau diese Woche in Angriff genommen, wo ich doch gerade jetzt wirklich ins Internet muss? Die Antwort darauf liegt auf der Hand und ist leider ziemlich ernüchternd: Weil ich das Gleiche von der vorherigen Woche behauptet hatte, so wie von der Woche davor, so wie eigentlich die letzten Monate. Seufzend steige ich also aus dem Bett und versuche nicht an die zahlreichen SMS zu denken, die sicherlich schon auf meinem Handy eingegangen sind, das scheintot auf meinem Schreibtisch liegt. Geschweige denn an die Mails, die sich in meinem Postfach anhäufen, oder Nachrichten, die sich ungelesen meinen Facebook-Account ansammeln. Das Meiste ist letzten Endes sowieso unwichtig, sage ich mir und weiß, dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar Recht habe. Doch da ist ein Gefühl in mir, eine Art Verlangen. Ich könnte schließlich nur einmal ganz kurz nachsehen… . Moment mal, zog ich hier gerade einen Abbruch in Erwägung? Und das am zweiten Tag! Ich verbanne den Gedanken schnell wieder aus meinem Kopf und schiebe etwas schockiert mein Handy außer Reichweite – nur zur Sicherheit.

Als ich am Dienstagabend bei gefühlten -20° Celsius etwa 30 Minuten im Schneegestöber stehe und vor der Sporthalle auf meine restliche Mannschaft warte, in dem Glauben, wir hätten Training, darf ich dann auch schmerzlich am eigenen Leib erfahren, wie nützlich Facebook sein kann. Und damit meine ich nicht, dass das Mitteilungsbedürfnis aufmerksamkeitsgeiler Menschen endlich gestillt werden kann, sondern einfach die Möglichkeit, sich schnell über wichtige Dinge zu informieren, und damit den Großteil, der ja bekanntlich das Internet nutzt, zu erreichen. Denn neben der Belustigung über selbsternannte Fotografen, deren Spiegel scheinbar das ausdrucksstärkste Motiv darstellt, und Pseudodepressive, die mit ausgesprochen poetischen Sätzen über ihren derzeitigen Gemütszustand informieren, ist es gerade das, was mir wirklich fehlt.

Und ja, sogar die Schule setzt mittlerweile das Nutzen des Internets voraus. So darf ich für meine Erdkunde-Recherche wieder die Bücher wälzen, während der Rest der Klasse die Informationen innerhalb von fünf Minuten auf der von unserem Lehrer empfohlenen Website findet. Ebenso in Englisch: Verwöhnt von Online-Übersetzern komme ich mir beim Nachschlagen in meinem Wörterbuch vor, als sei ich um Jahrhunderte zurückgeworfen worden. So brauche ich zwar für meine Hausaufgaben gefühlt doppelt so lange, darf aber am Ende des Tages überrascht feststellen, dass ich immer noch Zeit habe, die ich nach Belieben Nutzen kann. Aber wo bleibt dann die Zeit, die wir durch den Luxus von Google & Co. einsparen? Sie ist letztendlich der Preis, den wir für die scheinbare Unendlichkeit des World Wide Webs bezahlen müssen. Egal ob Videos, Fotos, Blogs oder soziale Netzwerke- sie alle üben eine Faszination aus, die uns vor unsere Monitore zu fesseln scheint. Dank Mark Zuckerbergs einschlagender Entwicklung löst der Blick auf die Uhr bei mir regelmäßig einen Schockzustand aus. Womit habe ich gerade über eine halbe Stunde meine Zeit verbracht? Mit dem Leben anderer Menschen, die ich nicht einmal wirklich kenne. Wenn ich so darüber nachdenke, tue ich mir irgendwie selber Leid.

Ja, und trotzdem ist da dieses Gefühl der Einsamkeit, das mich ab und zu überkommt. Ein Phänomen, dass Facebook sich zu Nutzen gemacht hat. Wegen dem das soziale Netzwerk Millionen von Nutzern hat. Wir wollen dazugehören. Dazugehören, integriert sein und uns wichtig fühlen. Hätten wir nicht diesen Trieb, würden nicht jeden Tag neue Fotos auf meiner Startseite erscheinen, auf den Menschen sich präsentieren, in der Hoffnung, die Zahl der „Likes“ möge ewig ansteigen. „Oh mein Gott, ich bin schön! Ich bin beliebt!“, jubelt schon das von Minderwertigkeitskomplexen geplagte Gehirn. Dass dieses scheinbare Hochgefühl allein auf Oberflächlichkeit beruht, interessiert ja keinen. Genauso wenig, ob ich meine „Freunde“ überhaupt kenne. Hauptsache, die Zahl wächst stetig, scheinbar proportional zu meinem Ego. Denn, Freundschaft, was bedeutet die schon im Zeitalter des Internets?

Die Entwicklung, die diese Bezeichnung in den letzten Jahren durchlebt hat, beunruhigt mich irgendwie am allermeisten. Liebesbotschaften, die laut ausgesprochen an Lächerlichkeit nicht zu übertreffen sind, werden öffentlich an die Pinnwand gepostet, damit auch die ganze Welt an der Freundschaft teilhaben kann. Genauso müssen gemeinsame Erlebnisse sofort mit sämtlichen Bekannten geteilt und am besten mit Beweisfoto versehen werden. Privatsphäre? Bitte, wo wäre da denn noch der kommerzielle Nutzen!

Wer nun entgeistert aufspringt und protestiert, sollte seine Augen vom Smartphone-Display abwenden und sich umsehen. Denn gerade in dieser einen Woche sind mir die Auswirkungen des Internets und die Möglichkeit des dauerhaften Kontaktes auf unser soziales Miteinander klarer geworden als jemals zuvor. Ob in der Schulpause oder im Café. Wo früher die Zeit für ausgedehnte Gespräche und die neusten Gerüchte war, ist nun die Zeit um den Highscore bei Doodle Jump, TempleRun & Co. zu knacken, oder sich mit der besten Freundin aus der Parallelklasse im Sekundentakt zu schreiben, um auch ja nicht die Minute Fußweg zum nächsten Klassenraum auf sich zu nehmen. Unsere Kommunikation scheint sich mehr und mehr einzuschränken. Heutzutage wird lieber getippt als gesprochen.

Auch die eigene Beziehung muss heutzutage im Internet repräsentiert werden- mit Liebesbotschaften und entsprechenden Fotos (flickr.com/rishib 1988)

Auch die eigene Beziehung muss heutzutage im Internet repräsentiert werden- mit Liebesbotschaften und entsprechenden Fotos (flickr.com/rishib 1988)

Das erschreckendste Beispiel dafür war die Abschiedsfeier meiner Freundin, die am nächsten Tag für ein Jahr ins Ausland fliegen würde. In Vorfreude auf einen netten Abend machte ich mich also auf den Weg zu ihr. Schon als wir beim Abendessen saßen, lagen gefühlt mehr Smartphones auf dem Tisch als Teller draufstanden. Hätte ich aus Versehen mein Glas umgeworfen und Iphone & Co. in Cola ertränkt, wäre es vielleicht sogar etwas geworden mit dem netten Abend. Doch so saß ich eine Stunde später auf dem Sofa und durfte dem Rest der Anwesenden dabei zusehen, wie sie ihren ausdruckslosen Gesichtern ihre Blicke gar nicht mehr vom Touchscreen abwendeten. Das Gespräch reduzierte sich mehr und mehr auf gelegentliche Ausrufe, wie „Oh Gott, XY ist gerade total zu und versucht, eine Oberstufenschülerin aufzureißen.“ Nachdem mindestens drei Leute nach einem Aufladekabel für ihr Iphone fragten, schien für mich der passende Augenblick gekommen zu sein, um zu gehen. So viel zum netten Abend.

Freitagabend: Das ist es nun also gewesen. Projekt Logout war nach sieben Tagen dem Ende nahe. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich in Gedanken ständig das Ende des Versuches herbeigesehnt habe, komme ich mir vor wie ein Drogenjunkie auf Entzug. Ausgerechnet ich, die eine Internetflat für ihr Smartphone stets als Geldverschwendung abtut, die Facebook solange verweigert und schon immer abfällig auf vermutliche Dauersurfer herabgesehen hat. Sogar geträumt habe ich von dem Moment, in dem ich mein Blackberry endlich wieder in den Händen halte und mir sein vertrautes Vibrieren eine neue Nachricht verkündet. Das muss sich ändern! Sofort.

Na gut, einmal will ich natürlich noch nachsehen, welche weltbewegenden Neuigkeiten ich während meines Exils verpaßt habe. Überraschenderweise – keine. Das Resümee ist ziemlich enttäuschend. Ein paar Nachrichten von Freunden, die mir zu meinem Lauf vom letzten Wochenende gratuliert haben, und die Meldung über die Krankheit meines Trainers und den diesbezüglichen Trainingsausfall. Und meine Startseite? Ist wie gewöhnlich überschwemmt von überflüssigen Informationen, die mich, wenn ich ehrlich bin, nicht im Geringsten interessieren, aber doch genug Unterhaltung bieten, sodass mein Laptop sich wegen Überhitzung erst einmal verabschiedet. Na, herzlichen Glückwunsch, so viel zu meinem guten Vorsatz. Und nun sitze ich hier, starre auf meinen pechschwarzen Bildschirm, in dem sich mein unschlüssiges Gesicht spiegelt. Ja, das Internet ist nützlich. Egal, ob man die beste Bus- und Bahnverbindung braucht oder mit seinen Freunden auch im Ausland im Kontakt bleiben möchte, es bietet uns die schnellste und einfachste Möglichkeit dafür. Doch auch das Internet hat dunkle Seiten, die wir durch die Dauerbeleuchtung von Touchscreens und Bildschirmen scheinbar übersehen. Es manipuliert uns, verändert unser Sozialverhalten, raubt uns unsere kostbare Zeit und, so übertrieben es sich auch anhören mag, kann sogar unserer Gesundheit schaden. Ein Beispiel dafür können Schlafstörungen sein. Denn wer abends noch vor dem Bildschirm sitzt, senkt laut Forschern der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation den Spiegel des Schlafhormons Melatonin. Ob man es glaubt oder nicht, ich habe die Woche über wirklich besser geschlafen als sonst und zusätzlich – abgesehen von dem einen Entzugs-Traum in der ersten Nacht – seit langem nicht mehr so viel und intensiv geträumt. Einbildung, Zufall? Ja, vielleicht. Für mich aber eine Erfahrung, die sich irgendwie gut in mein angeknackstes Bild vom Internet einfügt.

Smartphone? Laptop? Warum nicht gleich beides? (flickr.com/icedsoul photography .:teymur madjderey)

Smartphone? Laptop? Warum nicht gleich beides? (flickr.com/icedsoul photography .:teymur madjderey)

Wenn ich nun die letzten sieben Tage noch einmal Revue passieren lasse, weiß ich nicht, was mich mehr entsetzen soll: Meine eigene Beziehung zum Internet oder das Konsumverhalten der anderen, das mein eigenes nochmal um ein Vielfaches übertrifft. Ersteres habe ich, zugegeben, deutlich unterschätzt. Sind ja nur sieben Tage, habe ich mir gedacht und schon bezweifelt, überhaupt irgendwelche Erfahrungen zu machen. Was das Konsumverhalten der Menschen in meinem Umfeld und einem Großteil der Bevölkerung angeht, … Man kann nur hoffen, dass wir nicht irgendwann vollkommen den Bezug zur Realität verlieren. Dass zwei Zeichen ein reales Lächeln nie vollständig ersetzen können und uns nicht irgendwann die Worte fehlen. Doch so lange es immer noch Menschen gibt, für die sich die digitale Welt auch mal eine Zeit lang ohne sie drehen kann, die den Schneefall nicht erst durch eine Facebookmeldung bemerken und die ihr Handy auch mal ausversehen zu Hause liegen lassen, bin ich zuversichtlich. Denn offline zu sein, bedeutet irgendwie auch, endlich mal wieder richtig zu leben.

Ein Kommentar

  1. Es gab Zeiten, da konnte ich über 8 Wochen ohne externe Kommunikation leben, durchbrochen von gelegentlichen Tageszeitungen und Menschen die Nachrichten mitbrachten. Das ist mehr als 1/4 Jahrhundert her, die Zeiten sind schneller geworden – zuerst auf meiner Arbeit, die früher durch Postwege entschleunigt wurde. Heute löse ich vielleicht 10x mehr Probleme in der gleichen Zeit. Das griff dann auf mein Privatleben über und brachte auch dort neue Spontaneität und Stress … Wenn ich es genau überlege genieße ich beides, das schnelle, aufregende Neue und die Zeit, wo ich alles abschalte und mal für Stunden so lebe, wie früher für Wochen ;-)

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