Wendy und ich in Chicago.

Erfahrungen aus dem Auslandsjahr – der zweite Teil.

Fünf Monate lang den vertrauten Geruch des eigenen Zuhauses aufzugeben und gegen einen völlig fremden Ort in einem anderen Land auszutauschen, hört sich einfacher an, als es ist. Als ich am Tag nach meiner Ankunft in meinem neuen Heim in North Riverside, Illinois, die Augen aufschlug, fühlte ich mich eher wie im Urlaub als Zuhause. Der Gedanke, die nächsten fünf Monate hier zu verbringen, schien einfach absurd. Zwar hatte ich diesen Aufenthalt lange geplant und mich endlich vollkommen mit dem Gedanken angefreundet, aber das ich mich nun tatsächlich ins Flugzeug gesetzt hatte und alles zurückgelassen hatte, schien einfach zu absurd.

Kennenlernen mit Debbies Verwandtschaft

Vielleicht hielt sich deshalb auch meine Unsicherheit in Grenzen. Trotzdem hatte ich meine Bedenken und die größte Angst bestand wohl darin, etwas falsch zu machen. Mit ungezügeltem, deutschem Benehmen die Gastgeber zu schockieren. Schließlich hatte man uns auf den Vorbereitungswochenenden regelmäßig eingetrichtert, wie anders Amerika war und uns Horrorgeschichten von Gasteltern erzählt, die ihre ganz eigene Vorstellungen von Höflichkeit und gutem Benehmen hatten. Die zweitgrößte Angst bestand darin, sich nicht verständigen zu können. Schulenglisch, na gut, aber reichte das, um den amerikanischen Alltag zu meistern?

Wie sich schnell herausstellte, waren beide Ängste völlig unbegründet. Die einzige Regeln meiner Gastmutter bestanden darin, dass Übernachtungen mit Jungs tabu waren und wir unsere Wäsche selber waschen sollten. Und nicht mal diese Regeln wurden strikt eingehalten. Letztendlich waren wir nie eine richtige Gastfamilie, sondern eher eine multikulturelle WG, die zufällig zusammengewürfelt wurde. Und dank der Offenheit meiner Gastmutter fiel die anfängliche Anspannung noch am ersten Tag von mir ab. Ein Blick in den Kühlschrank erinnerte mich dann aber doch an die Tatsache, dass ich nun einmal nicht zu Hause in Deutschland war. Obst? Gemüse? Ich war etwas skeptisch und sah mich schon- wie es das Klischee des Austauschschülers hergab- mit fünf Kilo Übergewicht wieder in Deutschland ankommen. Also hieß unser Ausflugsziel für den ersten Tag: „Grocery Store“.

Ein schöner Abend in guter Gesellschaft!

Ein schöner Abend in guter Gesellschaft!

Das erste amerikanische Frühstück: Tiefkühl-Pancakes

„Aldi!“ Ich drehte fast durch, als ich auf unserer Fahrt das altbekannte „A“ des Discounters am Straßenrand entdeckte. Gleich fühlte ich mich etwas heimischer. Doch der „Supermarkt“, den Debbie ansteuerte, hatte eher die Größe eines Ikeamarktes mit einem ebenso großen Parkplatz, mit ebenso großen Autos. Wenn ich Amerika mit einem Wort beschreiben müsste: Riesig. Nicht nur die Auswahl war gigantisch, ebenso die Packungen. Das Klischee traf hier leider voll zu. Als ich im Eingang elektrische Scooter entdeckte, die in Deutschland lediglich von behinderten Menschen in Anspruch genommen wurden, fragte ich meine Gastmutter, warum die hier im Supermarkt standen. Meine Befürchtung bewahrheitete sich: „Some people are too lazy to walk. We also have them in the zoo.“ Somit offenbarte sich mir am ersten Tag schon das meines Erachtens größte Problem Amerikas: Bequemlichkeit. Sogar zum Tütenpacken gab es Angestellte, die unsere Einkäufe fleißig in mindestens dreißig Pastiktüten verpackten. Problem Nr. 2: Verschwendung.

Der größte Unterschied zwischen Amerika und Deutschland liegt in der Lebenseinstellung. Wir Deutschen machen uns über alles Gedanken, sehen überall Probleme und versuchen sofort, ihre Ursache zu beheben. Wir kontrollieren und organisieren. In Amerika ist das anders. Amerikaner scheinen sich der Probleme bewusst zu sein- aber sie leben damit. Oft habe ich meine Gastmutter auf das ständige Autofahren in Amerika angesprochen. „Yeah, I know. We drive way too much with the car.“ Punkt. Die meterlangen Autoschlangen vor der Schule, der ständige Stau auf den Highways- das alles waren Tatsachen, deren Ursprung in der Bequemlichkeit der Menschen lag. Und solange kein grundlegender Grund für Veränderungen vorlag, nutzte man die Vorteile der Luxusgesellschaft vollständig aus.

Ich hatte so meine Probleme, mich an den „American Way of Life“ zu gewöhnen. Mit Essensabfällen auf dem Teller stand ich etwas ratlos in der Küche und starte auf den Mülleimer. Auf den EINEN Mülleimer. „Where do I throw away the plastic?“ Debbie lachte. „Oh, we do not recycle!“ Was? „We put everything in one garbage!“ Und „Everythink“ bedeutete wirklich alles: Papier, Kompost, Plastik, Restmüll, Glas und sogar der alte Mixer landete im Mülleimer.

Doch eine Woche später trat bereits die erste Veränderung im Haus ein. Ein zweiter Mülleimer stand in der Küche. Ab sofort trennten wir Glas und Plastik vom Restmüll. Oder versuchten es. Denn während wir in Deutschland schon im Kindesalter den leeren Joghurtbecher selbstverständlich in den gelben Sack warfen, stellte sich die Frage nach Plastik oder Papier für Wendy und Debbie als Herausforderung heraus.

Auch mit dem deutschen Trend der Tragetaschen für Einkäufe konnte ich Debbie überzeugen und, nachdem sie nach meiner Ankunft fast fünf Kilo abgenommen hatte, auch vom täglichen Kochen.

Yummy?!

Yummy?!

Wendys und mein erster Besuch von Chicago

Doch bevor all diese Veränderungen eintraten, stand ein großes Ereignis bevor, dass Wendy und mir gleichermaßen Sorgen bereitete. Der erste Schultag. Debbie setzte uns morgens vor der Schule ab und Wendy und ich betraten zögernd das riesige Gebäude, die Riverside Brookfield Highschool.

Die Woche zuvor hatten wir beide unsere Fächer gewählt. Eine Klasse gibt es nicht, der amerikanische Schultag besteht aus verschiedenen Kursen. Während ich als Junior Algebra 2, sprich Mathe, American Literature und U.S. History wählen musste, wählte ich außerdem Sports Medicine und Speech. Mein Counselor, eine Art Vertrauenslehrerin, teilte mich außerdem noch Environmental Science zu und gab mir eine Study Hall, einer Freistunde, in der ich meine Hausaufgaben erledigen konnte. So kam es, dass Wendy und ich keine einzige Klasse gemeinsam besuchten, was uns in unserer Unsicherheit nicht gerade weiterhalf. Bevor das neue Schuljahr startete, mussten sich alle Schüler in ihrem Home Room einfinden, wurden namentlich aufgerufen und in die Schulregeln eingewiesen. Und ich hörte zum ersten Mal die „Pledge of Allegiance“, einem Schwur, mit dem nun tagtäglich mein Schultag beginnen sollte. In jedem Klassenzimmer hing zu diesem Zweck eine Flagge, der sich mit der Hand auf der Brust zugewandt wurde. Mein nicht vorhandener amerikanischer Nationalstolz machte es mir einfach unmöglich, die Hand auf das Herz zu legen und in den Chor mit einzustimmen, aber aus Respekt stand ich jeden Morgen brav mit auf. Wahrscheinlich auch, weil ich mich ansonsten noch mehr in die Außenseiterrolle begeben hätte.

Denn um ehrlich zu sein, war der erste Tag kein Zuckerschlecken. Ich stellte mich jedem Lehrer als die Austauschschülerin aus Deutschland vor, und einige leiteten diese Tatsache sogar an die Klasse weiter. Doch das Interesse meiner Mitschüler äußerte sich meistens nur mit einen kurzen Blick. Na super, meine Hoffnung, dass ich als Austauschschülerin interessant wirken würde, wurde von der Tatsache erschlagen, dass ich offenbar so aufregend wie ein Toastbrot war. Mein soziales Highlight war kurze Unterhaltung in American Literature mit einem Jungen namens Brian, der interessiert Fragen über mich, meine Familie und Deutschland an sich stellte. Hatten nicht alle gesagt, Freundschaften schließen in Amerika sei so einfach?

Auch akademisch war ich wider Erwarten maßlos überfordert. In der ersten Stunde, Algebra 2, schrieben wir gleich einen Test, die Begriffe in Sports Medicine lösten bei mir nichts als Unverständnis aus und das Tempo, mit dem mein Geschichtslehrer uns die Arbeitsblätter auf den Tisch knallte und anschließend einsammeln und benoten wollte, versetzten mich in eine Art Schockstarre. Frustriert musste ich meine Tränen zurückhalten. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt.

Die Riverside Brookfield Highschool

Voller Vorfreude stellte ich mich jedoch auf mein erstes Training mit dem Cross Country Mädchen Team nach der Schule ein. Als ich zu dem Rasenplatz vor der Schule kam, stand bereits eine Horde Mädchen dort und eine junge Frau, die sich als Coach Sterling vorstellte. Doch aufgrund eines fehlenden, ärztlichen Formulars fiel das Training für mich erst einmal ins Wasser. Hilfsbereit erklärte mir die Teamkapitänin Clare jedoch, was auszufüllen war, und so sollte es am nächsten Tag für mich losgehen.

Die Enttäuschung des ersten Schultages zog meine anfängliche Euphorie etwas herunter, doch wie sich herausstellte, war Wendys Tag ähnlich verlaufen. Um den Frust los zu werden, absolvierte ich das erste Training alleine und konnte mich gleich mit der schwülen Hitze Illinois anfreunden.

Zu Hause erwartete mich bereits ein Haufen Hausaufgaben, der mich und Wendy in der ersten Nacht bereits bis beinahe Mitternacht wachhalten sollte. Doch anstatt alleine im Selbstmitleid zu versinken, machten wir unserem Ärger Luft und verfluchten die Lehrer, während wir uns durch die Texte arbeiteten.

Mit dem Erlöschen des Lichtes überkamen mich dann erste Zweifel. Wenn das nun mein neuer Alltag sein sollte, würden die nächsten fünf Monate zur Tortur werden. Warum verlief nicht alles so bilderbuchmäßig, wie ich es mir ausgemalt hatte? Auf die ersten Fragen, wie denn der erste Schultag verlaufen war, ob ich schon Freunde gefunden hätte, antwortete ich ausweichend, zu groß war der Stolz, um die Wahrheit zu sagen. Und wie hieß es doch so schön, aller Anfang war schwer. Man musste ja schließlich nicht gleich den Teufel an die Wand malen.

Die Riverside Brookfield School

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78 Kommentare

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