Berufsporträt Sonderpädagoge: Kinder mit einer Behinderung oder einer Krankheit, psychischen Problemen oder einem kritischen sozialen Hintergrund, sind häufig auf gezielte Förderung angewiesen, um Lernschwierigkeiten zu lindern. Ein Sonderpädagoge arbeitet mit diesen Kindern und Jugendlichen und hilft ihnen, die Schwierigkeiten zu überwinden.

In der Sonderpädagogik wird in „Heilpädagogische Früherziehung“ und „Schulische Heilpädagogik“ unterschieden und während der Ausbildung spezialisieren sich die Fachkräfte auf jeweils einen dieser beiden Bereiche.

Die heilpädagogische Früherziehung beschäftigt sich mit Klein- und Vorschulkindern, die Auffälligkeiten und Besonderheiten bei der Entwicklung zeigen. Hierbei ist es wichtig, dass die Sonderpädagogen eng mit den Familien der Kinder zusammenarbeiten und diese beraten und unterstützen. Die Kinder können somit gezielt individuell in Einzel- oder Gruppenstunden gefördert werden.

Sonderpädagogen, die im Bereich der schulischen Heilpädagogik tätig sind, arbeiten als spezialisierte Lehrkräfte an Schulen, oder aber im Bildungsbereich in Kinderheimen. Durch eine spezielle Schulung und individuelle Förderung der Kinder, wird versucht, Lernschwierigkeiten zu bewältigen. Um eine möglichst passende Lernmethode für jedes Kind zu finden, werden die Lernprozesse gründlich beobachtet und studiert und die Vorgehensweisen an die Bedürfnisse der Kinder angepasst.

Außerdem gehört es zu den Aufgaben des Sonderpädagogen, die Eltern, andere Lehrkräfte und die Schulleitung zu beraten.

Höchstes Ziel ist immer, nicht nur die schulischen Leistungen zu verbessern und somit spätere berufliche Chancen für die Kinder und Jugendlichen zu schaffen, sondern diese auch erfolgreich in ein soziales Umfeld zu integrieren.

Das Förderzentrum Pinneberg unterstützt Regelschulen bei der Beschulung und im Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, damit alle Kinder und Jugendliche erfolgreich in ihrer Schule lernen können und gut mit ihren Mitschülern auskommen.

Interview mit einer Sonderpädagogin

Im Zuge unserer Themenreihe „Inklusion“ erhielten wir die Chance, Petra Blanke, Sonderpädagogin am Förderzentrum Pinneberg, zum Gespräch zu treffen, um hautnah Einblicke in ihren Beruf zu erhalten.

Pressident: Wie lange arbeiten Sie schon als Sonderpädagogin und seit wann sind Sie am Förderzentrum Pinneberg tätig?

Petra Blanke: An der Heinrich-Hansemann-Schule arbeite ich nun insgesamt schon 23 Jahre, das Förderzentrum an sich gibt es erst seit einem Jahr. Ich hatte zuvor Sonderpädagogik in Hamburg studiert und dort auch mein Examen gemacht.

Pressident: Welche Tätigkeiten gehören zu Ihrem Aufgabenbereich?

Blanke: Hauptsächlich arbeite ich mit an der Sprachförderung für Deutsch als 1. Muttersprache. Da ich ganztags arbeite, kommen am Nachmittag Kinder aus Grundschulen und Kindergärten hier her, die kostenlose Kurse zur Verbesserung ihrer Sprache und zur Bekämpfung von Sprachfehlern belegen können. Nebenbei führe ich noch Tests in Kitas durch, um bei den Fünfjährigen zu testen, ob ihre Sprache sich normal weit entwickelt hat. Seit letztem Jahr bin nun auch noch Mentorin für neue Auszubildende und Studenten und arbeite bei InPrax mit. Dort gehe ich an Schulen, die Fragen zum Thema der Schulentwicklung im Bezug auf Inklusion haben.

Pressident: Wie können wir uns einen typischen Arbeitstag von Ihnen vorstellen? Gibt es so einen überhaupt?

Blanke: Einen typischen Arbeitstag im Förderzentrum gibt es nicht mehr. Ich kann allerdings etwas zum Berufsbild des Sonderpädagogen sagen, das sich vor allem noch einmal durch die Inklusion verändert hat. Wir sind jetzt, was diese Schule angeht, nicht mehr in einer Sonderschule tätig, sondern an Regelschulen und in der veränderten Eingangsphase in den Klassen Eins und Drei, im sogenannten Präventiven Unterricht, um Lernstörungen und Lernbehinderungen zu vermeiden.

Sonderpädagogen haben unterschiedliche behindertenspezifische Fachrichtungen studiert, das ist sehr breit gestreut, beginnt zum Beispiel bei der Blindenpädagogik, der Sehbehindertenpädagogik, der Gehörlosenpädagogik, der Körperbehindertenpädagogik, der Geistigbehindertenpädagogik, der Lernbehindertenpädagogik und der Sprachbehindertenpädagogik. . Früher gab es auch noch die sogenannte Verhaltensgestörtenpädagogik. Das gibt es heute weitgehend nicht mehr und alles nennt sich heutzutage ein bisschen anders, Menschen mit Problemen dieser Art gibt es natürlich immer noch.

Nehmen wir meine Person als Beispiel (lacht): Ich habe die beiden behindertenspezifischen Fachrichtungen Geistesbehindertenpädagogik und Sprachbehindertenpädagogik studiert. Ich arbeite in Vollzeit, mit der Hälfte meiner Stunden an der Helene-Lange-Schule, der benachbarten und eigentlich größten Grundschule hier in Pinneberg. Dort arbeite ich in den Klassen Eins und Zwei in der Prävention und zwar mit dem Schwerpunkt Sprachförderung, aber nicht im Sinne von Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, sondern für Kinder, bei denen Deutsch die Erst- oder die Muttersprache ist. Mit weiteren Teilen meiner Unterrichtsverpflichtung bin ich am Nachmittag hier tätig, dann kommen auch Kinder aus Grundschulen und Kindergärten und haben die Möglichkeit eine Sprachförderung zu erhalten, die kostenlos ist. Mit einem weiteren kleinen Teil meiner Arbeitszeit gehe ich in Kindergärten und biete dort bei Bedarf an, alle fünfjährigen Kinder  einmal auf die Entwicklung ihrer Lautsprache zu testen,. Fünfjährige deshalb, weil dort noch die Chance besteht, dass sie vor der Einschulung Hilfe bei der Logopädie bekommen.

Dann bin ich zum Beispiel in diesem Schuljahr auch Mentorin gewesen, das heißt Ausbilderin für Anwärterinnen und Referendarinnen für diesen Beruf. Dies erfordert eine Menge an Kooperation mit der Grundschule, denn die Kollegin die jetzt ausgebildet wird, muss dort drüben in den Klassen arbeiten und ich leite sie in ihrer Behinderten spezifischen Fachrichtung im Regelunterricht an. Und da wir immer zwei Sonderpädagogische Fachrichtungen haben, wird man auch immer doppelt angeleitet. Das heißt, man hat zwei Mentoren und die entsprechende Ausbilder vom IQSH, also vom Lehrerausbildungsinstitut und die Kollegen, die in den Klassen tätig sind. Somit ist immer eine ganze Menge an Absprache nötig.

Pressident: Wie kamen Sie auf die Idee, Sonderpädagogin zu werden? Wann haben Sie sich dazu entschieden?

Blanke:In den meisten Fällen ist es so, dass private Begebenheiten einen zu seinem Beruf führen, so war es auch bei mir. Ich selbst habe einen behinderten Bruder.

Pressident: Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Eigenschaften, die man für Ihren Beruf mitbringen sollte?

Blanke: Man sollte wissen, was einem selbst beim Lernen geholfen und was einen behindert hat. Wichtig ist vor allem, dass man ein klares Bild von seinen persönlichen Stärken und Schwächen vor Augen hat.

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Petra Blanke in einem der Räume des Förderzentrums, die für die Sprachförderung genutzt werden.

Pressident: Was reizt Sie besonders an Ihrem Beruf? Was ist spannend an Ihrer Tätigkeit?

Blanke: Die Vielfältigkeit. In so einem Beruf und Umfeld wird einem nie langweilig, auch nicht nach den 23 Jahren, die ich hier nun schon arbeite. Jeden Tag stößt man auf neue Herausforderungen und neue Problemstellungen.

Pressident: Gehen Sie an manchen Tagen unzufrieden nach Hause, weil etwas nicht so gut geklappt hat?

Blanke: Ja. Ich kenne solche Situationen gut, besonders aus der Zeit als ich „nur“ an der Förderschule gearbeitet habe. Gerade die damaligen großen Gruppen mit sehr vielen Problemfällen haben einen einzigen Lehrer überfordert. Die Schule war ein Pool für sehr schwerwiegende Probleme – die einen natürlich auch sehr belastet haben.

Pressident: Fällt es Ihnen schwer, bestimmte Fälle nicht zu nah an sich ran zu lassen?

Blanke: Dafür gibt es immer wieder Fortbildungen. Zum einen muss man eine menschliche Nähe aufbauen, zum anderen aber auch eine professionelle Distanz bewahren, gerade bei schwerverdaulichen Situationen und Vorfällen. Hierbei sind Beratungen mit Kollegen und Therapien wichtig, da man selbst natürlich stets gesund bleiben muss.

Allerdings muss heute auch ganz neu begonnen werden und es kommt immer wieder zu Druck von Seiten der Regelschulen. Im Kreis Pinneberg habe ich bis jetzt aber nur gute Erfahrungen gesammelt.

Pressident: Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie besonders froh waren, Sonderpädagogin geworden zu sein? Eine Geschichte, die Sie besonders berührt hat?

Blanke: Ja, definitiv, es gibt viele Beispiele. Ich erzähle gerne von einem Erlebnis, das mir ganz spontan einfällt. Ich spreche dafür jetzt einmal ganz deutlich gegen die Sonderschule: Ich hatte mehrere Schüler, die einen Migrationshintergrund hatten und eine Schülerin, die hier sehr auffällig war. Sie klaute, war rotzfrech, nicht angepasst. Das Mädchen stammte aus Ghana. Sie war an dieser Schule, hatte erhebliche Probleme mit dem Deutschen, mit Mathe allerdings lief es gut. Diese Schülerin ist Studentin geworden an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Köln. Solche Geschichten berühren mich und machen mich glücklich und stolz. Wenn ich hier durch Pinneberg gehe, treffe ich häufig ehemalige Schüler mit Migrationshintergrund, die einen völlig normalen Beruf ergriffen haben und von denen ich denke, dass wir hier nicht der richtige Ort für sie waren und dass wir auf eine falsche Art und Weise mit ihnen umgegangen sind.  Wir haben hier nie Kinder rekrutiert, sondern sie sind zu uns gekommen, weil sie woanders nicht aufgenommen wurden.

Das ist eine der Geschichten, die mir ein wenig die Augen geöffnet hat im Hinblick auf Delektieren[Tim7] , Auswählen, Zuweisen -  gerade wo die Sprache so wichtig ist und wo die Sprache einen enormen Einfluss darauf hat, welchen Weg man überhaupt im Leben nehmen kann.

Ich habe selbst viele schöne Rückmeldungen von Schülern bekommen, die mich wirklich sehr froh gemacht und darin bestärkt haben, dass Sonderpädagogin für mich der richtige Beruf ist. Diese Schüler haben dann unter anderem geschrieben, dass sie es gut fanden, dass ich lustig war, einige sagten, dass ich fast so etwas wie eine Freundin war, anstatt nur eine Lehrerin. Ich glaube, das ist mit das größte Kompliment, das man kriegen kann und zeigt mir auch, dass ich zu meinen Schülern eine Nähe aufbauen konnte. Inzwischen würde ich sagen, dass dies nicht unbedingt etwas Spezifisches für Sonderpädagogen ist. Diese Fähigkeit sollte jeder Lehrer haben.

Pressident: Also haben Sie auch heute immer noch zu ehemaligen Schülern Kontakt?

Blanke: Ja, auf jeden Fall. Wir haben regelmäßig Ehemaligen-Treffen und dann kommen die ehemaligen Schüler und bringen inzwischen auch schon Kinder mit oder erzählen ganz glücklich über ihre Werdegänge, die zum Teil wirklich erfreulich sind. Da sieht man einfach, dass wir bei Menschen, die wirklich ganz unterschiedliche Schwierigkeiten im Leben haben, mit mehr Zeit rechnen müssen. Diese kommen teilweise mit 27 und sind dann das erste Mal alleine mit etwas wirklich fertig geworden und darüber sehr glücklich. Zum Beispiel erzählen sie dann erfreut, dass sie eine Arbeit oder eine eigene Wohnung haben – oder sogar eine eigene Familie. Für uns sind viele dieser Dinge etwas völlig Normales, doch für diese ehemaligen Schüler bedeuten diese Schritte meistens die ersten bedeutenden Erfolge in ihrem Leben und wir sind glücklich, diese Menschen ein Stück auf den richtigen Weg gebracht zu haben.

Pressident: Vielen Dank für das Gespräch!

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